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In eisigen Höhen - die Erstbesteigung des Monte Troodelöh

Geogr. Koord. (WGS 84): 7°8'30.8" ö.L./50°56'18.8" n.B.,

Der Zwölfte im Elften 1999 ist ein Herbsttag wie aus dem Bilderbuch: Während auf dem Alter Markt in der Kölner Altstadt die Müllabfuhr den Elften im Elften davonfegt, klammern sich weiter östlich im Königsforst vor azurblauem Himmel die letzten Blätter herbstlich klapprig an ihre Äste:

Vier Männer, offensichtlich erschöpft, kämpfen sich den Wolfsweg hinauf, drei von ihnen unbeschwert, einer beladen wie ein fetter Yak: Friedrich Dedden, Kai Löhmer, Michael Troost und Ihr treuer Sherpa Longway. Stunden vorher sind sie am Rheinufer aufgebrochen, haben sich durch Deutz, Kalk, Höhenberg, Merheim und Brück bis hierhin durchgekämpft. Ihr Ziel: der tektonisch höchste Punkt Kölns, damals noch namenlos und von niemandem auf der Welt, außer ein paar Vermessungsingenieuren, bewusst als solcher wahrgenommen. Ganz in der Nähe gibt es das stadtweit einzige Grab eines verdienten, mitten im Walde mit seinen treuen Doggen bestatteten Kölner Stifters: Hubert Josef Hausmann fand hier 1932 seine von der Stadt Köln entsprechend der Stiftungsvereinbarung bis heute betreute letzte Ruhestätte. Aber das ist eine andere Geschichte. Findet auch Krebber.



Um 15:47 Uhr ist es so weit: Mit einer handelsüblichen Wasserwaage ermittelt Sherpa Llongway am Rande des Wolfsweges zweifelsfrei den in den Büchern mit 116,7 Metern angegebenen höchsten Punkt Kölns. Erstmals stehen drei Männer und ein Sherpa bewusst auf diesem Gipfel, atmen ergriffen durch, gönnen sich ein, zwei Enzian und ihrem Sherpa eine Buttermilch mit höchster Fettstufe. Niemanden stört es, dass es an der Ostflanke dieses Gipfels noch weiter nach oben geht: Der Osten, das ist Tundra, Taiga, Schäbisch Gläbisch. Neureich. Zwar ganz schön hoch, aber weit entfernt von römischer Hochkultur.



Flugs montieren die Erstbesteiger, die (einem Hinweis des deutschen Nachrichtenmagazins sei Dank), perfekt gegen die Höhenkrankheit gewappnet sind, ein schlichtes Holzkreuz, das Kai Löhmer, der sich früh für eine, seinen Alterswohnsitz fokussierende friedhofsnah ruhige Wohnlage entschieden hat, günstig in die Expedition eingebracht hat. Fortan markiert es das „Dach Kölns“. Ein Gipfelbuch, dessen Titelseite Gipfelstürmer Friedrich Dedden kalligraphisch gestaltet hat, lädt ein zum Fabulieren und ein Gipfelstempel rundet das Ensemble ab: Gerd-Dieter Reimann, der mit seinem Hund Luna immer wieder stundenlang durch den Königsforst joggt, übernimmt die Aufgabe, ihn ständig mit frischer grüner Farbe zu versorgen. Wohlan, Ihr Kölnerinnen und Kölner, fortan habt Ihr ein Ziel für Eure Gipfelstürme.


Wie zu erwarten, wird der kölsche Watzmann vom Volke gut angenommen. Menschen aller Stämme, Gehaltsklassen und Vegetationszonen tragen sich ins Gipfelbuch ein, darunter auch der bekannte Karikaturist Walter Hanel, der das erste ausgelegte Büchlein mit einem seiner Raben adelt. Rasend schnell sind die diversen Gipfelbücher voll geschrieben, leider sind bisher die meisten gemopst worden. Ausgewählte Einträge sind unter "Best of" nachzulesen. Die Auswahl ist durchaus gleichermaßen pointiert wie subjektiv. Sie soll die ungezählten Seilschaften, die einfach nur auf sympathische Weise ihren schweißtreibenden Höhenrausch dokumentiert haben, nicht davon abhalten, dies weiter zu tun: die Senioren-Wandergruppen, die Platzhirsche unter den Joggern, den Kindergeburtstag, den ersten Ausflug mit dem neuen Kinderrädchen am 25. Dezember, den omnipräsenten, selbst ernannten "Besten von allen"....

Auch das bei der Stadtverwaltung Köln für Höhen und Tiefen zuständige Amt für Liegenschaften, Vermessung und Kataster wird schnell auf die Anbringung eines Gipfelkreuzes aufmerksam und entschließt sich unbürokratisch, noch einmal neu nachzumessen. Seit dem Februar 2000 muss die Geschichte Kölns neu geschrieben werden. Die millimetergenauen Berechnungen von Karl-Josef Brodesser ergeben 118,04 Meter für den 20 Meter weiter nördlich neu fixierten höchsten Punkt Kölns, fast eine Mannshöhe mehr als zuvor behauptet. Bei einem ersten Wiedersehen auf dem Gipfel erkennen die drei Erstbesteiger aber auch, dass jetzt die Beschriftung des Gipfelkreuzes geändert werden muss. Sie beschließen, das erste Kreuz zum galanten Provisorium zu erklären und ein neues, wesentlich robusteres und wetterfesteres zu errichten.



Longway erhält den Auftrag, irgendwo auf der ICE-Trasse Köln-Frankfurt eine überzählige Bahnschwelle zu organisieren. Er braucht elf Tage, um das mächtige Eichenholz von Leidenhausen bis nach Hoffnungsthal zu schleifen, wo es der alt eingesessene Frickler und Premiumdesigner Fred Meurer im Garten seines Schlosses zusägt, konservatorisch behandelt und mit jener schmucken, von Christof Krautwig, dem Maestro des Kölner Stadtmodells, geschaffenen Bronzetafel verschönt, die noch heute dem höchsten Punkt Kölns Glanz verleiht. Anfang Mai 2001 graben sich die Gipfelstürmer unter Aufsicht des staatlich geprüften Gipfelkreuzgutachters Werner Rohrmoser vom Umweltbundesamt in den Waldboden am Wolfsweg ein und errichten ein, wie sie jetzt noch meinen, Gipfelkreuz für die Ewigkeit.



118,04 Meter - so hoch ist auch der berühmteste Kreidefelsen der Ostseeinsel Rügen, der Königsstuhl.  und die Festung Ehrenbreitstein. Wer einmal die Kölner 118,04 Meter hinaufgestiegen ist, der weiß genau wie auf Rügen und gegenüber der Moselmündung in Koblenz die hier oben geradezu sinnlich fassbare Ruhe zu schätzen, die offensichtlich vor allem 118,04 Meter hohe Gipfel verströmen (das gleich hohe Bayerkreuz, zwischen Chemiekombinat und Bundesautobahn hält in seiner schlichten Schönheit seit 1958 als Ausnahme von der Regel die Stellung). Und: Auch der höchste Berg Berlins ist 118,04 Meter hoch - eine unglaubliche Parallelität! Inzwischen ist der Kölner Gipfel längst auch in der Horizontalen GPS-geortet (Daniel Roth sei Dank!). Insgesamt ein Fleckchen, das zum Verweilen einlädt und deshalb den Gedanken an eine feine Bank geradezu provoziert. Auch die BBBank ist eine feine Bank, ihrem leitenden Angestellten René Rücker ist es zu verdanken, dass mitten im Wald Gemütlichkeit wirklich wird. Die BBBank zögert nicht eine Sekunde, spendiert das Sitzmöbel und regt gleichzeitig an, die erste Sitzung feierlich zu gestalten.



Zwischenzeitlich wird Köln überschwemmt von kostenlosen Tageszeitungen, darunter auch „Köln Extra“. Extra-Redakteur Michael Mohr hört von Gipfelkreuz und –bank und springt mit forschem Elan auf den fahrenden Zug auf. „Feierlich, meinetwegen,“ schwelgt er, „aber ein richtiges Fest, das wäre es. Mit Kölsch, Musik und einer offiziellen Enthüllung des Gipfelbalkens.“ Gut gelaunt stellt er den Kontakt zur Dom-Brauerei her, die sich dazu entschließt, „die Nummer“ zu sponsern. Mit ein paar Hektolitern ihres Obergärigen und mit den „JazzCats“, einer Dixie-Band, die unplugged mitten im Walde genauso gut ist wie verkabelt im verrauchten Fummelschuppen.

 

Und dann der Clou: Die "Sektion Rheinland-Köln" des "Deutschen Alpenvereins" entscheidet sich dafür, das "Projekt Kölner Gipfel" zu unterstützen. 2001 feiert sie ihr 125-jähriges Bestehen. Der Beschluss, das ins Auge gefasste Bergfest zu unterstützen, wird genauso schnell gefasst wie jener, nachträglich die Kosten für die schmucke Gipfelkreuz-Bronzetafel zu übernehmen. Danke, lieber Alpenverein! Sogar die Bild-Zeitung zeigt sich auf einmal interessiert  - Peter Büttner bringt dort mit einer Karikatur den legendären Reinhold Messner ins Spiel.



Der Gipfelkreuz-Enthüllungs-Festakt wird gemeinsam auf den 20. Mai 2001 terminiert – ein Sonntag. „Extra“ berichtet jetzt täglich und der Alpenverein organisiert für den Tag X eine Wanderung von der KVB-Endhaltestelle Königsforst aus. „Stadt intern“, die Mitarbeiterzeitung der Stadt Köln, ruft ihre Leserinnen und Leser dazu auf, den Kölner Gipfel zu taufen. Mehr als 100 Vorschläge gehen ein. Der „Extra“-Redakteur greift die besten auf und lädt ganz Köln zur Namensgebung ein. Seitdem heißt der Berg, einem Vorschlag von Albert Deistler folgend, „Monte Troodelöh“. „Monte“ dürfte klar sein, der Rest greift die ersten Buchstaben der Nachnamen der Erstbesteiger auf: Troost, Dedden, Löhmer. Die an dieser Stelle immer wieder gestellte Frage „Und was ist mit Longway?“ beantwortet Albert Deistler gebetsmühlenartig mit einer Gegenfrage: „Aber, ich bitte Sie - wer durfte denn die Schwelle schleifen?“



Der 20. Mai 2001 wird ein schöner Tag. Wieder scheint die Sonne, Eichhorn und Elchin stutzen dieses Mal ein bisschen länger. Die Sonne vereinbart mit den Bäumen lustvolle Schattenspiele.  Mitten im Wald steht ein Oldtimer-Bus, der sich als mobile Schänke der Dom-Brauerei entpuppt. Angesichts des intensiven Baumbestands rings um den Monte Troodelöh scherzt Sherpa Longway, der huckepack die Musiker von den JazzCats auf die Anhöhe tragen durfte, in diesem Umfeld lachsalvensicher wie folgt: „Es fehlt zwar vom Balkon die Aussicht auf den Dom, nicht aber die Aussicht auf das Dom."



Die JazzCats verbreiten gute Laune, und Vorankündigungen in allen Zeitungen Kölns locken annähernd 1.000 Menschen auf den Troodelöh. Reinhold Kruse, ein begeisterter Alpinist, hält für den Alpenverein eine feurige Tauf-Rede, und als die Sonne fast ihren Höchststand erreicht hat, ist es soweit: Ein Raunen geht durch die Menge als Michael Troost, Friedrich Dedden und Kai Löhmer gemeinsam das neue Gipfelkreuz enthüllen. Von Norman Zey humoristisch gestaltete Buttons, die die Erinnerung an den Moment erhalten sollen, sind innerhalb kürzester Zeit vergriffen und werden heute, ein paar Jahre später, in der einschlägigen Szene zu Höchstpreisen gehandelt.

Das langjährige Ratsmitglied Hans-Jürgen Schumann hat Kamera und Stativ mitgebracht und hält den wunderschönen Dixie-Frühschoppen in bewegten Bildern fest: Hier klicken.



Auch der Tag danach, der 21. Mai 2001, ist ein besonderer Tag: Alle Kölner Tageszeitungen berichten vom feuchtfröhlichen Taufakt im Walde, „Köln Extra“, wie schon einige Mal, in großem Stil. Am 11. Juli 2001 greift "Extra" zum letzten Mal das Thema Monte Troodelöh auf. Es gibt Probleme. Mit dem Monte und mit den kostenlosen Tageszeitungen in Köln: An diesem Tage sterben die drei  Boulevardblätter "Extra", "Kölner Morgen" und "20 Minuten Köln" einen schnellen Tod, und Albert Deistler wartet noch immer auf die Digitalkamera, die ihm „Extra“ für den ersten Platz beim Taufen versprochen hatte.



Der anfängliche Ärger, den die ganze Aktion bei der Landesforstverwaltung verursacht, soll nicht verschwiegen werden. Zeitweise scheint es sogar so, dass die Bulldozer der Waldschützer Gipfelkreuz und –bank ratzfatz einebnen werden. Aber, statt destruktiv zu handeln, reagiert man wunderbar konstruktiv. Am 11. Juli 2001 graben Fred Meurer und Longway, so wie ihnen aufgetragen, den (aus der Sicht der Förster) Marterpfahl wieder aus. Longway schleift ihn ohne Umweg über Hoffnungsthal in fünf Tagen zurück nach Leidenhausen. Stattdessen spendiert die Forstverwaltung auf Initiative von Forstdirektor Lückerath einen wunderschönen Findling vulkanischen Ursprungs, der seit Juli 2001 das Fundament für die von Fred Meurer ummontierte Bronzetafel bildet - ein ungewöhnlich attraktives „Gipfelkreuz“. Ausgetauscht wird auch die gusseiserne BBBank gegen eine Holzbank, wie sie Standart ist im Königsforst. Und damit der Kölner Gipfel noch schneller ins Auge fällt, fallen ringsum sogar ein paar Bäume - Ausdünnung tut not. Eine Berghütte gibt es seit dem Sommer 2011, hingezaubert auch wieder von der Forstverwaltung, die mittlerweile von Joachim Cohnen (Foto: KStA) geleitet wird.

 

Die Bäume wachsen langsam nach, was schrumpft, ist ganz offensichtlich der Verstand mancher Zeitgenossen. Zum zweiten Mal wird im Herbst 2003 der Deckel des Metallkastens der das Monte-Troodelöh-Gipfelbuch vorm sauren Regen schützt, weggerissen. Eine völlig furzdumme Aktion – der Kasten wurde zum Abfalleimer das vorerst letzte Gipfelbuch und der schmucke Gipfel-Stempel sind seitdem verschwunden. Die Monte-Troodelöh-Pioniere, die sich noch immer zum Jahrestag der Erstbesteigung auf Kölns Gipfel treffen, haben sich dafür entschieden, alles noch ein einziges Mal instand zu setzen. Seit Pfingsten 2004 gibt es wieder einen Gipfelstempel, einen Gipfelkastendeckel und ein Gipfelbuch. Aber der Kampf gegen die Dummheit kostet Zeit und Geld: Wenn noch einmal Vandalen in Aktion treten, dann war´s das. Wobei Orkan "Kyrill" verziehen wird, auch wenn er die Umgebung des Gipfelsteins schwer verwüstete und auch die Gipfelstürmer monatelang in Gefahr brachte.



 

P.S.: Bis auf Premiumdesigner Fred Meurer, Bänker René Rücker, den GPS-Spezialisten Daniel Roth und Redakteur Michael Mohr sind alle im Text erwähnten Männer (selbst Sherpa Longway) Eigengewächse der Kölner Stadtverwaltung. Missgelaunt und schlecht gekleidet -– so wie man sie kennt. Am 3. Dezember 2004 feierte das ganze Schmölzche den fünften Jahrestag der Erstbesteigung - bei Dunnerkiel*, Kartoffelsalat und kalten Würstchen vom Aldi. War schön, auch wenn Fotograf Ikhlas Abbis seitdem im Wald verschollen ist. Am 18. November 2005 wurde die Suche aufgegeben, dem Kameraden ist aber ein ehrendes Angedenken sicher.

Der Monte Troodelöh liegt im Naturschutzgebiet Königsforst. Besondere Rücksicht auf Fauna und Flora sollte deshalb selbstverständlich sein. Ein Tipp: Besuchen Sie auch die wunderbare Internetseite der lieben Nachbarn. Im Umkreis gibt es übrigens auch andere imposante Gipfelsteine, vor allem jenen, der den geographischen Mittelpunkt der Stadt Bergisch-Gladbach markiert, die sich aber bis heute nicht dazu durchringen konnten, ihren höchsten Punkt zu ermitteln, geschweige denn zu markieren.

*Dunnerkiel, der Kräuterlikör, dessen geheime Zutaten im Bereich des Troodelöh-Massivs gepflückt werden, ist übrigens das Hauptnahrungsmittel aller drei Gipfel-Pioniere. Probieren Sie ihn doch einmal selbst! Ja, und richtig wohl fühlen sich die kölschen Berg-Heroen nur im Cafe Kroppenberg, dass dem Monte Troodelöh in Freundschaft verbunden ist. Für organisierte Beweglichkeit ist der übrigens "Monte Troodelöh Walking Day" der richtige Termin im Kalender.

Rainer Buttkereit

 

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